Cod. Marcian. App. cl. V 12, olim Cod. Nanian. 246344; membraneus (laciniis chartaceis recentius resartus), cm. 21,2 x 16,5; fol. VI + 167 (vacant fol. 4-5v, 117v);
in GREENHILLs Edition als Handschrift E verzeichnet. V überliefert den Theophilos-Text und die "Präambel".
V ist eine Sammelhandschrift von Texten vornehmlich medizinischen Inhalts, mit Ausnahme einiger Exzerpte aus den
Dialektikaß
des Johannes Damaskenos am Ende der Handschrift (fol. 153-167). Fol. 1-29 enthalten Teile aus dem unter dem Namen Theophilosüberlieferten Kommentar zu den Aphorismen des Hippokrates (Text 6:
Sxoßlia eiöw tou?w
&Ippokraßtouw aöforismoußw
). Auf fol. 30r-v schließt sich die "Präambel"Galhnouq peri?
xreißaw kai? eönergeißaw
an, unmittelbar gefolgt von vier Texten, die unter dem Namen einesTheophilos überliefert sind, beginnend mit
Peri? thqw touq aönjrvßpou kataskeuhqw
auf fol.31-89. Bei den anderen drei Theophilos-Texten handelt es sich um
Peri? ouärvn
(Text 2) auffol. 90-106,
Peri? diaxvrhmaßtvn
(Text 1) auf fol. 106-116v undPeri? sfugmvqn
(Text 5) auf fol. 118-136. ZwischenPeri? diaxvrhmaßtvn
undPeri? sfugmvqn
findet sich auf fol. 116v-117 ein anonymer Text über die Herstellung von Arzneipillen (troxißskoi
)eingeschoben. Die beiden anderen, in der Handschrift V enthaltenen medizinischen Texte sind ein unter dem Namen Galens überliefertes Werk
peri? aiötißaw pajvqn
(fol. 136v-147), wobei es sich laut Katalog nicht um das gleichnamige galenische Werk (ed. KÜHN VII, 1-41)handelt; sowie ein anonymer Traktat über den Puls (inscr.
§Arxh? touq sfugmikarißou
) auf fol. 147-152.Laut Katalog waren an der Erstellung dieser Sammelhandschrift wohl fünf unterschiedliche, namentlich bislang nicht zuzuweisende Schreiberhände beteiligt, deren
älteste für die fol. 6-89v verantwortlich ist und sehr wahrscheinlich ins 11. Jh. zu datieren wäre. Einer zweiten, nur wenig später zu datierenden Schreiberhand werden die fol. 90-116v und 118-145 zugewiesen. Die beiden ersten Schreiber zeichnen sich laut der Angaben im Katalog durch äußerste Sorgfalt und große Erfahrung als Kopisten aus. Sehr wahrscheinlich ins 14. Jh. zu datieren sind die Schreiber 3 (fol. 1-3), 4 (fol. 116v-117; 146-152) und 5 (fol. 153-167v).
Der gesamte Codex befindet sich in sehr schlechtem Erhaltungszustand und ist an mehreren Stellen mit Papierstücken repariert. Damit läßt sich auch das Auftauchen zweier Fragmente aus dem 4. und 5. Buch des Theophilos-Textes
Peri? thqw touq aönjrvßpou
kataskeuhqw
erklären, die MUSTOXYDES und SCHINAS im Jahre 1817 gesondert ediert haben, nachdem sie deren Zugehörigkeit zu dieser Handschrift V feststellen konnten345. DieFragmente wurden später dem Codex wieder angegliedert, so daß sich der Text heute wieder in der ursprünglich zusammengehörigen Form präsentieren kann. Die Zusammenführung der Handschrift V und der beiden Textfragmente dürfte sehr wahrscheinlich recht bald nach der erwähnten Edition der Fragmente geschehen sein, da J. CAPPELLETTI, der für GREENHILL die Kollation dieser Handschrift vorgenommen hatte (vgl. Kap. III.2.5), in einem Brief an GREENHILL die Vollständigkeit der Handschrift hinsichtlich des Theophilos-Textes betont346.
Peri? thqw touq aönjrvßpou katatskeuhqw
weist in der Handschrift V die übliche Einteilung in fünf Bücher auf (Buch 1: fol. 31r – 43r; Buch 2: fol. 43r – 51v; Buch 3: fol. 51v – 59v; Buch 4: 59v – 73v; Buch 5: fol. 73v – 89v). Die jeweiligen Buchtitel sind durchZentrierung, sowie durch schlichte Zierleisten und sternförmige Randzeichnungen hervorgehoben.
Der Text weist eine Art Gliederung nach Sinnabschnitten auf, wobei vergrößerte Buchstaben, die am linken Seitenrand deutlich vom restlichen Text abgesetzt sind, den Beginn eines neuen Sinnabschnittes markieren. Diese Gliederung ist sehr willkürlich vorgenommen und keine Grundlage einer Kapiteleinteilung.
345 MUSTOXYDES – SCHINAS, 24; vgl. auch Kap. III.2.4.
346 Vgl. GREENHILL, XIX und Anm. k, mit Zitaten aus diesem Brief. CAPPELLETTI äußerte außerdem GREENHILL gegenüber die Vermutung, bei einem entsprechendem Werk in armenischer Sprache, das ihm bei den
Mechitharisten von San Lazaro aufgefallen sei, könne es sich möglicherweise um eine armenische Übersetzung desselben Theophilos-Textes handeln, vielleicht aber auch um Gregors von Nyssa Peri? fußsevw aönjrvßpou. Die Überprüfung der Sachlage konnte GREENHILLs Ansicht darüber bestätigen, daß die armenische Fassung nichts mit dem Theophilos-Text zu tun hat. Tatsächlich handelt es sich bei dem armenischen Text um das dem Nemesios von Emesa zugeschriebene Werk Peri? fußsevw aönjrvßpou, welches die armenische Handschrift allerdings unter dem Namen Gregors von Nyssa verzeichnet: vgl. J. MUYLDERMANS, Répertoire de pièces
patristiques d'après le catalogue armenien de Venise, Le Muséon 47 (1938) 288. Die Vermittlung der Kontakte, um die Überprüfung vorzunehmen, verdanke ich Prof. M. van Esbroeck (†).
Mit den beiden Fragmenten aus Buch 4 und 5 des Textes kann die Handschrift V die beiden lacunae der anderen Handschriften zumindest bis zu einem gewissen Grad ergänzen.
GREENHILL vermutet eine lacuna auf fol. 88v (Theoph.,
aönjr.kat.
202, 31 / GREENHILL 258, 8; vgl. Kap. III.2.5), die allerdings in der Handschrift nicht kenntlich gemacht wäre. Der Text bricht auf fol. 89v nach den WortenvWde eäxei
ab.V besitzt sowohl Marginalien wie auch Glossen. Die Marginalien (eingeleitet zumeist mit
periß, pvqw
odertiß eösti[n]
, wie auch bei den Handschriften P und B) markiereninnerhalb der einzelnen Bücher inhaltliche Abschnitte; es handelt sich dabei jedoch nicht um eine Kapiteleinteilung. Außerdem existiert auf fol 31r ein Diagramm in margine (vergleichbar
dem der Handschrift P: siehe oben, S. 68) mit einer schematischen Übersicht über die in Kapitel 2 des ersten Buches (Theoph.,
aönjr.kat.
125, 22-27 / GREENHILL 3, 3-6) abgegebene Einteilung der Körperteile.Die Glossen beinhalten in erster Linie Worterklärungen, die häufig ein wichtiges Kennzeichen der sprachlichen Entwicklung darstellen. Dabei werden schwer verständlich gewordene Begriffe mit den zeitgemäßen Wörtern (so besagt der häufige Zusatz
par' hÖmvqn
) erklärt, z.B. Theoph.,aönjr.kat.
146, 28-29 / GREENHILL 72, 14hÄbhw
: in marg. hÄbhw leßgetai thqw kaßtv; 154, 11 / GREENHILL 95, 5kvnoeidhßw
: in marg. strobiloeidhßw: kvqnow ga?r oÖ stroßbilow; 177, 8 / GREENHILL 168, 8kvqnow
: in marg. to?par'hÖmiqnstrobhßlion; 180, 21 / GREENHILL 181,12traßna
: in marg. traßna: to? makro?n cußlon thqw eöpoxhqw; manchmal nur einzelne Wörter, z.B. Theoph.,aönjr.kat.
126, 34 / GREENHILL 7, 6eiQnai
: in marg.geneßsjai; 139, 20 / GREENHILL 52, 4-5
blaisouqntai
: in marg. strabouqntai. An drei Stellen entsteht der Eindruck, daß solche Glossen in den Text eingedrungen sein könnten: Theoph.,aönjr.kat.
150, 12 / GREENHILL 83, 13 (klaßdou
), 158, 7 / GREENHILL 107, 6 (kußlindrow
) und 162, 7 / GREENHILL 120, 3-4 (vÄspeßr tiw truqpa
).Die Glossen sind insofern von großer Bedeutung, als sie möglicherweise auf
gravierende Divergenzen zwischen der intendierten und der real existierenden Sprachebene hinweisen, denn V zeigt bei der Textwiedergabe eine um ein Vielfaches stärkere Orientierung an Galens
Peri? xreißaw morißvn
als sämtliche andere Handschriften; zudem neigt Vvielerorts zu Archaismen, die möglicherweise auf falsch verstandene Formulierungen des
Galen-Textes zurückgehen, z.B. Theoph.,
aönjr.kat.
153, 6 / GREENHILL 92, 11 die Lesart Vaönaßpaw,
eine alte Nebenform vonaÄpaw
, die nur in der Anthologia Palatina belegt ist:Grundlage dafür könnte ein falsch verstandenes
eön aÄpanti
der Galenvorlage sein.V weist eine beträchliche Anzahl an Hörfehlern auf, weshalb anzunehmen ist, daß der Text nicht von einer Vorlage kopiert, sondern dem Schreiber diktiert wurde:
Theoph., aönjr.kat.127, 6 ouöxoiÖoßntai 131, 20, 22 auÖtaßw
198, 8 aöll' aälloß te aöll' oiäh
198, 34 me?n oÜ meßnei statt jermainomeßnh 199, 9 fuseiqteeökineiqtouÖmeßnewdeß
statt ouöxoiWoßnte statt aÖptaßw
statt aöll' aällote aölloiqon statt jermainomeßnh
statt fusaqtaieökeißnh#to?uÖmenvqdew
Charakteristisch für V ist neben der außerordentlich stark ausgeprägten Galentreue eine besondere Hervorhebung des christlichen Aspekts: dies geschieht mittels längerer Einschübe (vgl. z.B. apparatus criticus Vadd. zu Theoph.,
aönjr.kat.
164, 13; 164, 31; 173, 2; 173, 35; 185, 20; 188, 2 / GREENHILL 126,9 – 127,6; 129, 5-14; 154, 1-5; 157, 11-12; 195, 1-5; 203, 4-6), aber auch mit der Entscheidung für Lesarten, die hauptsächlich in der Septuaginta- Überlieferung belegt sind (z.B. Theoph.,aönjr.kat.
133, 14 / GREENHILL 31, 2euöjhßw
statteuöjußw
, was hier sehr wahrscheinlich kein Itazismus ist).Zusammenfassend läßt sich zu den Handschriften bemerken, daß es sich fast
durchwegs um Sammelhandschriften mit Konzentration auf kompilatorischem Textmaterial handelt. Nur L und R beinhalten als Einzelhandschriften ausschließlich den Theophilos-Text
Peri? thqw touq aönjrvßpou kataskeuhqw
, wobei anzunehmen ist, daß es sich hierbei um Abschriften im Rahmen von Kollationen gehandelt haben könnte (besonders R weist deutlich in diese Richtung). Die Textsammlungen der Handschriften BMPQV (K ist eine Ausnahme) betonen zudem den Bezug zu anderen, unter dem Namen eines Theophilos überliefertenTexten (besonders deutlich bei den Handschriften M und V). Die drei Fundamente des
Theophilos-Textes
Peri? thqw touq aönjrvßpou kataskeuhqw
, nämlich die Galen- undHippokratesrezeption (vgl. Kap. II.1), die alexandrinische Textexegese und das damit verbundene Kommentarwesen (vgl. Kap. I.3.2), sowie die christliche Anthropologie (vgl. Kap. II.2) haben in der Textauswahl sämtlicher Handschriften ihren Niederschlag gefunden.
1.2. Sprachliche Erscheinungen
Peri? thqw touq aönjrvßpou kataskeuhqw
ist in einer deutlich an der Sprache Galens orientierten Koine abgefaßt, wobei dies in der Regel die übliche Sprachform fürkompilatorische medizinische Texte der byzantinischen Zeit ist. Die morphologischen und syntaktischen Veränderungen gegenüber dem klassischen Griechisch variieren dabei sehr stark zwischen den einzelnen Handschriften, bzw. Redaktionen des Textes.
Abweichungen von der Sprache Galens, die sämtliche Handschriften übereinstimmend aufweisen, finden sich hauptsächlich im Bereich des Wortschatzes, z.B. Theoph.,
aönjr.kat.,
131, 24 (
xeiroplaßstvn
); 179, 11 (fiaßlion, stomomaßnikon
); 180, 20-21 (eöpoxhß, traßna
); 185, 2 (aöpaßkia
). Auf solche Abweichungen hat bereits GREENHILL347 hingewiesen, doch ließ er unberücksichtigt, daß die meisten dieser Begriffe durch den Hinweiskoinvqw legoßmenon
(z.B. Theoph.,
aönjr.kat.
179, 11) oderkoinh? sunhßjeia
(z.B. Theoph.,aönjr.kat.
185, 1-2) eingeleitet sind, d.h. daß an diesen Stellen sehr wahrscheinlich ganz bewußt undabsichtlich Begriffe aus der Umgangssprache gewählt wurden.
Ebenfalls in allen Handschriften übereinstimmend begegnen gelegentlich Archaismen und ungewöhnliche Sprachformen, wie z.B. der zweimalige Gebrauch der seltenen Genitivform