Ortwin Dally – Ricardo Eichmann – Svend Hansen – Susan Pollock – Ute Luig
Plenartagungsbericht der Forschergruppe C-III
Acts
Mitglieder:
• Ortwin Dally (Klassische Archäologie, Generalsekretär Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts) • Ricardo Eichmann (Vorderasiatische Archäologie, 1. Direktor Orient-Abteilung des Deutschen
Archäo-logischen Instituts)
• Svend Hansen (Prähistorische Archäologie, 1. Direktor Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäo-logischen Instituts)
• Ute Luig (Ethnologie, Freie Universität Berlin)
• Susan Pollock (Vorderasiatische Archäologie, Freie Universität Berlin) Doctoral Fellows:
durch Topoi gefördert
• Carolin Jauß (Vorderasiatische Archäologie, Freie Universität Berlin)
• Jana Kubatzki (Musikwissenschaften, Universität der Künste Berlin und Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts)
• Stefanie Kühn (Alte Geschichte, Freie Universität Berlin und Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts) • Daniel Neumann (Prähistorische Archäologie, Freie Universität Berlin und Eurasien-Abteilung des
Deutschen Archäologischen Instituts)
• Axel Schäfer (Ethnologie, Freie Universität Berlin)
• Tilmann Vachta (Prähistorische Archäologie, Freie Universität Berlin und Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts)
assoziiert
• Anja Endrigkeit (Prähistorische Archäologie, Universität Kiel und Zentrale des Deutschen Archäo-logischen Instituts)
• Nils Hempel (Klassische Archäologie, Freie Universität Berlin und Zentrale des Deutschen Archäo-logischen Instituts; Magistrand)
• Veronica Hinterhuber (Ägyptologie, Humboldt-Universität zu Berlin und Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts)
• Heiko Scholz (Prähistorische Archäologie, Freie Universität Berlin und Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts; bis 31.3.2010, seither Graduate School Human Development in Landscapes CAU Kiel)
Senior Fellows:
• Patrick Desplats (Ethnologie, Universität Köln; Institut für Völkerkunde) • David Fontijn (Bronzezeitliche Hortfundplätze, Universität Leiden)
• Graeme Lawson (Musikarchäologie und Archaeoacoustics, University of Cambridge)
• Mark Howell (Ethnomusikologie und Musikarchäologie, Winterville Mounds Park and Museum, Greenville, MS, USA)
Zusammenfassung: Forscher aus den Disziplinen Prähistorische Archäologie, Vorderasiatische Archäologie, Alte Geschichte, Klassische Archäologie, Ägyptologie, Musikarchäologie und Ethnologie untersuchen im Rahmen der Research Area C-III die Konstruktion sakraler Landschaften und komplexer Handlungsräume durch rituelle Handlungen, die insbesondere durch Prozessionen gekennzeichnet sind. Eine besondere Be-deutung kommt in diesem Zusammenhang der Verschränkung von physischem Raum, Bildern, Handlungen und Klang zu. Das Spektrum der Forschungsprojekte ist groß: Es umfasst die Untersuchung bronzezeitlicher Hortfunde in Mitteleuropa und die Strukturierung ritueller Räume im Rahmen von Mahlzeiten im Kontext früher Staaten und Städte in Südmesopotamien und im Südwest-Iran ebenso wie die Untersuchung von Prozessionen und Pilgerreisen im antiken Griechenland und der Gegenwart (am Beispiel von Prozessionen und Pilgerreisen im Himalayagebirge und den Anden). Hinzu kommt die Frage nach der Entstehung und Generierung von Klangräumen. Fruchtbar als theoretische Grundlage sind dabei Begriffe von Raum und Ritual, die die Konstruktion von Räumen durch das Zusammenspiel von physischem Raum und dessen Rezeption durch den Betrachter im Verlaufe von Handlungen betonen. Weiterführend als Grundlage aller Projekte ist die Diskussion gemeinsamer Parameter (u. a. Aussagewert der Quellen, Akteure der Rituale, longue durée von Ritualen, parallele Räume) und theoretischer Ansätze, wie z. B. performance-Theorien. Schlagworte: Himalya •
Projekte:
• »Horte mit zerbrochenen Objekten. Räumliche und zeitliche Verortung einer Innovation« (Svend Hansen) • »Prozessionen im Rahmen der hellenistischen Festkultur des östlichen Mittelmeerraumes« (Ortwin Dally) • »Klangräume. Genese und Bedeutung im Rahmen von Ritualen der Antike« (Ricardo Eichmann) • »Konstruktion ritueller Landschaften am Beispiel von Prozessionen und Pilgerfahrten im Himalaya«
(Ute Luig)
• »Kommensalität und Ko-Präsenz im Kontext früher Staaten und Städte in Südmesopotamien und im Südwest-Iran« (Susan Pollock)
• »Experimenteller Nachbau von Saiteninstrumenten aus archäologischem Kontext: Rekonstruktion von Saitenstimmungstechniken« (Ricardo Eichmann)
durch Topoi gefördert
• »Nutzung und Bedeutung von Keramik in kommensalen Zusammenhängen der Ubaid bis frühdynasti-schen Zeit in Südmesopotamien und Südwestiran«, Arbeitstitel (Carolin Jauß; Dissertationsprojekt) • »Fundorte bronzezeitlicher Deponierungen im Alpenraum« (Daniel Neumann; Dissertationsprojekt) • »Fundorte bronzezeitlicher Deponierungen im europäischen Mittelgebirgsraum« (Tilmann Vachta;
Dissertationsprojekt)
• »Die Pythaïs-Prozession« (Stefanie Kühn; Dissertationsprojekt)
• »Vertikalität in Prozession und Ritual – Die ›Fiesta de Santiago‹ in den südlichen zentralen Anden« (Axel Schäfer; Dissertationsprojekt)
• »Funktion von Musikanten im Rahmen von Prozessionen im Mittelmeerraum« (Jana Kubatzki; Dissertationsprojekt)
assoziiert
• »Lageverhältnisse bronzezeitlicher Hortfunde im südwestlichen Ostseeraum. « (Heiko Scholz; Dissertationsprojekt)
• »Zu kulturhistorischen Beziehungen des Nordischen Kreises und der Hügelgräberkultur. Grabstrukturen der älteren bis mittleren Bronzezeit als Indikatoren für Innovation und Mobilität«, Arbeitstitel
(Anja Endrigkeit; Dissertationsprojekt)
• »Prozessionswege von Tempeln in der ägyptischen Spätzeit – Festarchitektur der 25. Dynastie«, Arbeitstitel (Veronica Hinterhuber; Dissertationsprojekt)
• »Visualisierung der Prozessionsstrecke der Pythaïs« (Nils Hempel; Magisterarbeit) Senior Fellowships
• »Heilige Orte und Alltag im Islam. Kontinuitäten und Transformationen« (Patrick Desplats) • »Bronzezeitlichen Hortfundplätze« (David Fontijn)
• »Bronze Age Hoard Sites« (David Fontijn)
• »Sound, Political Space, and Political Condition: Exploring Soundscapes of Societies Under Change« (Ricardo Eichmann; in Zusammenarbeit mit Mark Howell und Graeme Lawson)
Inhaltsverzeichnis
1 Ergebnisse im Hinblick auf die Fragestellung des Clusters Formation and
Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations 1.1 Einleitung
1.2 Die Verortung bronzezeitlicher Hortfunde
1.3 Kommensalität in der Frühzeit Mesopotamiens
1.4 Prozessionen und Pilgerreisen
1.5 Musik und Raum
1.6 Gemeinsame Fragestellungen als Basis der verschiedenen Forschungsaspekte
1.6.1 Kritische Refl exion der Quellen und Methoden
1.6.2 Diskussion ritueller Elemente, Bilder als raumkonstituierendes Element
1.6.3 Rituelle Praxis: Realia, longue durée und Wissensvermittlung
1.6.4 Trägergruppen der Wissensvermittlung
1.6.5 Konstruktion sakraler Landschaften
2 Publikationen
3 Literaturverzeichnis
1 Ergebnisse im Hinblick auf die Fragestellung des Clusters Formation
and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations
1.1 Einleitung
Die Forschergruppe C-III stellt Sakrallandschaften in das Zentrum ihrer Untersuchungen. Analysiert wird die Entstehung sakraler Landschaften. Dabei geht es um die Rekonstruk-tion komplexer Handlungsräume im archäologischen und ethnologischen Forschungsbe-reich sowie um die Handlungen und Bewegungen der Protagonisten des Ritualgeschehens in solchen Räumen. Rituale können in verschiedener Art und Weise Räume markieren: sowohl stationär als auch in Form von Übergangsriten (im Sinne Arnold van Genneps [VAN GENNEP 1909/2005]) und der damit verbundenen Markierung von Grenzzonen wie auch durch Prozessionen, mit denen Räume erschlossen werden konnten. Grenzzonen können aber ebenso durch Anfangs- und Endpunkte markiert sowie auf dem Wege von einer Station zur nächsten unter Umständen auch überschritten werden. Letztere haben in der Gruppe C-III eine besondere Bedeutung erlangt.
Die Struktur dieser Research Area besteht aus den Principal Investigators Ortwin Dally, Svend Hansen, Ricardo Eichmann, Ute Luig und Susan Pollock sowie einer Gruppe von Doktoranden aus den Fächern Prähistorische Archäologie, Vorderasiatische Archäologie, Alte Geschichte, Klassische Archäologie, Ägyptologie, Musikarchäologie und Ethnologie. Dieses Tableau ist dann im Verlaufe der Existenz von C-III noch durch Senior Fellows aus der Hortarchäologie und der Musikarchäologie ergänzt worden.
1.2 Die Verortung bronzezeitlicher Hortfunde
Eine Arbeitsgruppe (Svend Hansen, Daniel Neumann, Heiko Scholz und Tilmann Vachta) beschäftigt sich mit der Verortung der bronzezeitlichen Hortfunde, um sakrale Orte bzw. Landschaften zwischen Mosel und Böhmen, den Alpen und Mecklenburg-Vorpommern zu identifi zieren. Diese aus zahlreichen Bronzeobjekten bestehenden Hortfunde wurden nach erkennbaren Regeln zusammengesetzt, welche zu dem Schluss führten, dass es sich um Weihgaben an übernatürlich gedachte Mächte handelt. Dadurch können die Orte der Niederlegung aber auch als ›besondere‹ bzw. ›starke‹ Plätze identifi ziert werden. Dies gewinnt vor dem Hintergrund, dass aus der mitteleuropäischen Bronzezeit kein einziges Heiligtum bekannt ist, seine besondere Bedeutung. In jedem Fall befi nden sich die Handlungen mit den Orten, an denen sie vollzogen wurden, in einem dialektischen Verhältnis. Nicht nur die genannten Arbeiten, sondern auch ein 2009 von der Gruppe in Berlin durchgeführter internationaler Workshop zu Hortlandschaften (»Hort und Raum. Aktuelle Forschungen zu bronzezeitlichen Deponierungen in Mitteleuropa«, organisiert von Svend Hansen, Daniel Neumann und Tilmann Vachta) hat deutlich gemacht, dass eine Topotypologie und ein auf dieser beruhender Vergleich der Fundstellen unterein-ander im Kontrast zu unterein-anderen archäologischen Quellen schließlich in einem einge-schränkten Maß auch einen Einblick in bronzezeitliche rituell geprägte Raum- und Landschaftskonzepte ermöglicht. Solche Objektmuster spielen in unterschiedlichen Maß-stäben eine wichtige Rolle nicht nur überregional, sondern auch regional bzw. auf einer Mikroebene.
1.3 Kommensalität in der Frühzeit Mesopotamiens
Im Zuge eines Projektes zur Kommensalität im Kontext der Entstehung früher Staaten in Südmesopotamien und Südwest-Iran untersuchen Susan Pollock und die Doktorandin Carolin Jauß die materiellen Rahmensetzungen von ritualisierten Fest- und Alltagshand-lungen im Bereich der Kommensalität. Hierzu gehört eine Analyse sowohl von Gebäude-strukturen als auch von Essgeschirr, deren Formen und Inventare vom 5. bis zum 3. Jt. einem grundlegenden Wandel unterliegen. Das Projekt legt Wert auf die Wechselwirkung zwischen hochritualisierten Festmählern auf der einen Seite und täglichen Mahlzeiten auf der anderen: Das Besondere, die rituelle Bedeutung des Festmahls ergibt sich überhaupt erst aus einem Prozess der Abgrenzung, aber auch des ›Zitierens‹ der ebenfalls ritualisier-ten kommensalen Alltagshandlungen.
1.4 Prozessionen und Pilgerreisen
In einer zweiten ethnologisch und archäologisch ausgerichteten Arbeitsgruppe untersu-chen Ute Luig und Axel Schäfer Prozessionen und Pilgerreisen zu besonderen Bergen. Neben der ›Fiesta Santiago‹ in zwei Distrikten von Cotabambas, einer Provinz in den südlichen peruanischen Anden, die Axel Schäfer bearbeitet, bilden das südliche Afrika sowie die Himalayaregion den Schwerpunkt der Forschung. Zielsetzung ist zum einen die Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten, die diese verschiedenen Regionen bezüglich der Konstruktion von rituellen Räumen kennzeichnen, indem die Konstruktion von Raum im Kontext von Prozessionen und Pilgerreisen untersucht wird. Dabei geht es u. a. um die Gliederung der Höhenprofi le (oben und unten), von Innen und Außen wie auch um Bezüge zu Vorstellungen über Natur und Kultur. Zum anderen sollen die spezifi schen Unterschiede genauer herausgearbeitet werden, die zwischen Prozessionen und Pilgerreisen bestehen. Diese werden sowohl im Hinblick auf die Zusammensetzung der Teilnehmer und den Ablauf als auch auf das Verhältnis von Raum, Bild, Klang, Farben und Gerüchen hin untersucht. Diesen Ansatz verfolgt auch eine Gruppe um Ortwin Dally, Stefanie Kühn, Nils Hempel und Veronica Hinterhuber. Hier geht es auf einer enger umgrenzten Quellen-basis (Denkmäler, Inschriften, Noten, Bilder) um die Untersuchung von Prozessionen in Ägypten und im Sudan, die in der 25. Dynastie abgehaltenen wurden, mit einem be-sonderen Augenmerk auf dem spätzeitlichen Dekadenfest in Theben. Hinzu kommt die Betrachtung einer bedeutenden Prozession im antiken Griechenland, der Pythaïs, die vom 4. bis 1. Jh. v. Chr. mit Unterbrechungen von Athen zum Apollonheiligtum von Delphi führte (BOËTHIUS 1918; ROCCHI 1999). Neben einer Rekonstruktion der Teil-nehmergruppen und der Faktoren, die für die Schaffung eines rituellen Raumes wäh-rend einer Prozession im antiken Griechenland relevant waren (TSOCHOS 2002), wird ebenfalls der physische Raum mit seinen Landschaften, Heiligtümern und Denkmälern zwischen Athen und Delphi untersucht bzw. der Versuch unternommen, diesen Raum mit der durch ihn hindurchschreitenden Prozession in Verbindung zu bringen.
1.5 Musik und Raum
1.6 Gemeinsame Fragestellungen als Basis der verschiedenen Forschungsaspekte
Um diese Arbeitsgruppen miteinander zu verzahnen, sind übergreifende Fragestellungen entwickelt worden, die eine gemeinsame Basis für die Untersuchungen bilden und im Folgenden näher erläutert werden.
1.6.1 Kritische Refl exion der Quellen und Methoden
Ein Aspekt, der unsere Gruppe C-III immer wieder beschäftigt hat, ist der Aussagewert der jeweiligen Quellen. Prähistorische Befunde wirken mitunter gegenüber Befunden aus der griechisch-römischen Antike oder der Ethnologie mehrdeutig, da schriftliche Quellen bzw. Selbstaussagen von Kultteilnehmern fehlen. Insbesondere zu einzelnen speziellen und konkreten Handlungshintergründen sind Aussagen über die prähistorische Archäo-logie nur schwer möglich. Diese Beobachtung zwingt immer wieder zu einer kritischen Refl exion der Aussagemöglichkeit der eigenen Quellen. Der methodische Ansatz wie auch die Ziele in der Beantwortung der gemeinsamen Fragestellung müssen der Struktur der archäologischen Quellen angepasst bleiben. Nicht minder wichtig war eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, inwiefern bewusst oder unbewusst moderne Raum-vorstellungen auf die Vergangenheit übertragen werden: Eine bedeutende Rolle kam daher dem Problem zu, inwiefern wir auch unbewusst durch moderne Erfahrungen geprägt den Versuch unternehmen, rituell geprägte Räume in der Vergangenheit zu ver-stehen. Am Beispiel der Musik hat Graeme Lawson deutlich gemacht, dass diese ein sozialer Prozess der Teilnahme und Interaktion ist (LAWSON – SCARRE 2006) und nicht beschränkt ist auf die westeuropäische Rezeptionsweise: Hier besteht Musik häufi g aus einer artifi ziellen Vorführung vor einem mehr oder weniger passiven Publikum. Der Versuch, bronzezeitliche Hortlandschaften oder die Prozessionsroute der Pythaïs auch visuell in 3D-Modelle zu übersetzen und zu rekonstruieren, führte immer wieder zu folgender Frage, die derzeit auch im Rahmen einer Magisterarbeit zur Prozessionsroute der Pythaïs vertieft wird (Nils Hempel). Inwieweit sind wir in der Lage, den visuellen Eindruck des Ortes bzw. der Route eines rituellen Geschehens auch nur annähernd zu rekonstruieren, indem wir bruchstückhafte Informationen in Zahlen, die ja manipulier-bar sind, übersetzen? Gerade anhand der Route der Pythaïs stellt sich das Problem, wie archäoinformatische Methoden der Rekonstruktion von Wegen (Kriterium sogenannter geringster Aufwand) den tatsächlichen und teilweise unbekannten Verlauf einer Prozession wiedergeben. Unter Umständen kamen bei deren Verlauf ganz andere Faktoren zum Tragen, beispielsweise besondere mythisch bedeutsame Stationen. So dass im wahrsten Sinne des Wortes die Frage im Raum steht, ob nicht bewusst Umwege gegangen worden sind.
1.6.2 Diskussion ritueller Elemente, Bilder als raumkonstituierendes Element
Form räumlicher Anordnungen. Gesellschaftliches, spezieller: rituelles Handeln aktuali-siert diese Bezüge. Im Rahmen eines Workshops in Kooperation mit der Forschergruppe C-II Images, den Ortwin Dally, Susanne Moraw und Hauke Ziemssen 2009 organisiert haben (»Bild – Raum – Handlung«), wurde daher dem Studium von Bildern als Elemen-ten ortsübergreifender Handlungen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Vor allem ze-remonielle Handlungsweisen werden oftmals durch Bilder beeinfl usst, etwa indem diese als mobiler Bestandteil von Festzügen einen zusammengehörigen und zeitlich fl üchtigen Zeremonialraum schaffen, das gilt im Übrigen ebenso für Musik. Bilder stehen auch mit ritualisierten Alltagshandlungen in einem dialektischen Verhältnis, wie Beispiele in dem von Susan Pollock organisierten Workshop (s. 1.6.5) vor Augen führten. Denn während Feste und Alltagsmähler konstitutiv für deren Darstellungen auf Reliefs und anderen Bildträgern sind, wirken sie normierend auf das dabei zugrunde gelegte Handeln selbst zurück. Nur wer die – metaphorisch ausgedrückt – Sprache des Raums kennt, versteht den performativen Akt. Wer die Sprache nicht versteht, läuft ahnungslos daran vorbei oder handelt unter Umständen falsch.
1.6.3 Rituelle Praxis: Realia, longue durée und Wissensvermittlung
Damit verknüpft ist die Frage nach dem Verhältnis bildlicher Darstellungen von Ritualen zu Realia, die tatsächlich zur Anwendung gekommen sind. Am Beispiel der Musikinstru-mente, aber auch des Essgeschirrs ist deutlich geworden, dass Darstellungen von Fest-mahlzeiten und von Musik verbunden mit Prozessionen in bestimmten Medien in einer spezifi schen Selektion auftauchen und nicht notwendigerweise realen Befunden entspre-chen, wodurch unterschiedliche Diskurse und die Konstituierung bestimmter räumlich begrenzter Gemeinschaften fassbar werden.
Geländezügen, in den Bergen oder auch in der Nähe von Flüssen belegt, offenbar konzen-trierte sich Wissen über den Raum in besonderer Art und Weise an diesen Orten. Maurice Halbwachs hat dies in seinen Ausführungen über das kollektive Gedächtnis deutlich ge-macht, indem er von einem kollektiven Gedächtnis spricht, das sich stets innerhalb eines räumlichen Rahmens bewegt (HALBWACHS 2003). In besonderer Weise manifestierte sich Wissen über die Vergangenheit an so markanten Orten wie dem panhellenischen Heiligtum von Delphi in Form von materiellen Weihgaben sowohl aus der unmittelbar noch erfahrenen wie auch einer fernen Vergangenheit in Form von ›Reliquien‹, Denkmälern und Inschriften. Durch Prozessionen wie der Pythaïs wurden diese in Schatzhäusern, aber auch im Freien aufgestellten Gaben an die Götter immer wieder im Sinn neu aufgeladen. Nicht zufällig entstammen die meisten Informationen über die Pythaïs einem Inschriften-dossier auf dem Schatzhaus der Athener in Delphi, in dem und in dessen Nähe weitere Denkmäler an die weit zurückreichende Begünstigung der Polis durch Apollon fortwährend erinnerten. Damit waren sie geeignet, die Bedeutung Athens gegenüber anderen Poleis, die ebenfalls Denkmäler für den Apoll von Delphi in dessen Heiligtum hatten errichten lassen, hervorzuheben. Diese Fixierung von Wissen konnte sogar soweit gehen, dass Noten festgehalten wurden. Tanz und Gesang mit mythischen Erzählungen haben an spezifi schen Stationen während der Prozession eine wesentliche Rolle gespielt, hier lässt sich wieder ein Bogen zur Musikarchäologie schlagen, da über musikalisch unterlegte und getanzte Erzählungen Wissen über die Vergangenheit entscheidend gefördert wurde.
1.6.4 Trägergruppen der Wissensvermittlung
1.6.5 Konstruktion sakraler Landschaften
Basis für die Analyse paralleler Räume, auch Thema eines Workshops in Kooperation mit der Forschergruppe A-I Central Places and Their Environment (organisiert von Svend Hansen und Michael Meyer), ist die Möglichkeit, auf der Grundlage des archäo-logischen und gegebenenfalls literarischen bzw. epigraphischen Befundes unterschiedliche soziale Gruppen auf einer mikro- und makrogesellschaftlichen Ebene beschreiben zu können, die sich im gleichen geographischen Raum bewegen, diesen wahrnehmen und nutzen.
2 Publikationen
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Darin: Dally, Ortwin – Scholl, Andreas. »Vorwort« (7–9), »Einleitung« (10–17), »Skulptur und Raum« (142–153), »Zusammenfassung« (154–159).
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Rahden/Westf.: Marie Leidorf.
Eichmann, Ricardo – Calament, Florence – Vendries, Christophe. Im Druck. Le luth
dans l’Égypte byzantine. La tombe de ›la prophétesse d’Antinoé‹ au Musée de Grenoble,
Orient-Archäologie 26. Rahden/Westf.: Marie Leidorf.
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Svend Hansen – Hermann Parzinger (Hgg.), Gero von Merhart. Ein deutscher Archäologe
in Sibirien 1914–1921. Deutsch-Russisches Symposium 4.–7. Juni 2009, Marburg.
Marburg: Vorgeschichtliches Seminar der Philipps-Universität Marburg. 139–148.
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Horte und ihre Deponierungsorte, Akten des internationalen Workshops in Berlin.
Hansen, Svend – Neumann, Daniel – Vachta, Tilmann (Hgg.). Im Druck. Bronzezeitliche
Horte und ihre Deponierungsorte, Akten des internationalen Workshops in Berlin.
Hansen, Svend. Im Druck. »Der Hort von Nebra: seine Ausstattung«. In Harald Meller (Hg.), Als Europas Eliten nach den Sternen griffen.
Hansen, Svend. Im Druck. »The Archaeology of Power«. In Tobias Kienlin – Andreas Zimmermann (Hgg.), Akten der internationalen Konferenz Beyond Elites. Alternatives
to Hierarchical Systems in Modelling Social Formations, 22.–24. Oktober 2009,
Ruhr-Universität Bochum.
Hansen, Svend. Im Druck. Rezension zu: Gérard Cordier, L’Âge du Bronze dans les Pays de la Loire moyenne. Joué-lès-Tours: Éd. la Simarre. 2009. Germania.
Hansen, Svend. Im Druck. Rezension zu: Jens Martin, Die Bronzegefäße in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen. Prähistori-sche Bronzefunde II,16. Stuttgart: Franz Steiner. 2009. Ethnographisch-ArchäologiPrähistori-sche
Zeitschrift.
Hansen, Svend. Im Druck. »Bronzezeitliche Deponierungen in Europa nördlich der Alpen: Weihgaben ohne Tempel«. Aufsatz eingereicht für einen Sammelband der Gruppe Votive des DAI Cluster 4.
Howell, Mark. Im Druck. »Music Evidence of English, French, and Spanish Encounters with Native Americans: Similarities, Differences and Consequences«. Akten des Topoi Workshops Sound, Political Space, and Political Condition: Exploring Soundscapes of
Societies Under Change. Area C-III, 2011.
Howell, Mark. Im Druck. »Tz’unum Bailes and the Role of Music Instruments in Preco-lumbian Highland Guatemala«. In den Akten der Konferenz 2010 der International Study Group on Music Archaeology (ISGMA), Tianjin, China. Studien zur Musikarchäologie (Orient Archäologie Series) 2012.
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The Historiography of Music in Global Perspective. Piscataway/New Jersey: Gorgias
Press. 107–134.
Lawson, Graeme. 2010. »Epistemology and Imagination: Reconciling Music-Archaeological Scholarship and Ancient Music Performance Today«. In Ricardo Eichmann – Ellen Hick-mann – Lars-Christian Koch (Hgg.), Studien zur Musikarchäologie VII: Musikalische
Wahrnehmung in Vergangenheit und Gegenwart. Ethnographische Analogien in der Musikarchäologie, Orient-Archäologie 25. Rahden/Westf.: Marie Leidorf. 265–276.
Lawson, Graeme. 2010. »Floruit and Extinction in Ancient Music’s Material Record«. In Richard Widdess (Hg.), »Laurence Picken: A Centenary Celebration«. 241–247.
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and Political Condition: Exploring Soundscapes of Societies Under Change.
Area C-III, 2011.
Lawson, Graeme. Im Druck. »Musical Journeys, Parallel Worlds: Some Contrafacta of Pilgrimage and Romantic Love, and Their Implications for the Oral Survival and Spread of Knowledge in Late Antiquity and the Early Middle Ages«. For inclusion in the papers of the Topoi workshop Approaching the Sacred: Processions and Pilgrimages in an
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3 Literaturverzeichnis
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Zschätzsch, A. 2002. Verwendung und Bedeutung griechischer Musikinstrumente