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Eiszeitalter und Gegenwart Band 14 Seite 141-146 Öhringen/Württ., 1. September 1963

Abgeschliffene M a m m u t s t o ß z ä h n e a u s d e m Emschertal

V o n K A R L B R A N D T , Herne

Mit 4 Abbildungen im Text

Z u s a m m e n f a s s u n g : Es werden zwei Fragmente von Mammut-Stoßzähnen beschrieben, die aus den basalen „Knochen-Schichten" der Emscher-Niederterrasse (letzte Eiszeit) bei Herne und Bottrop entstammen. Beide Stoßzahn-Fragmente zeigen am distalen Ende Schliffmarken, die auf Scharrbewegungen im gefrorenen Schnee oder Sand zurückgeführt werden. Ein drittes Fund­ stück zeigt beidseitig zur Spitze des Stoßzahn-Fragmentes hin meißelartige Abflachungen. Vermut­ lich wurde dieser Stoßzahn als Arbeitszahn zum Ausgraben von Pflanzen oder zum Suchen nach Wasser benutzt; vielleicht liegt aber auch ein Artefakt vor. Das vierte Fundstück endlich, allseitig stark gerundet, am proximalen Ende mit poliert erscheinender Oberfläche, stammt aus der Knochen­ schicht des Schwarzbachtales bei Gelsenkirchen-Hessler. Es wird vermutet, daß es sich hierbei um ein altpaläolithisches Gerät handelt, das wie die bekannten „Glockenschaber" aus Knochen zum Ent­ haaren der Tierfelle verwandt wurde.

S u m m a r y : Two fragments of mammoth tusks, found in a layer rich in bones of the River Emscher in the region of Herne and Gelsenkirchen-Buer, are described. The teeth show marks of scraping, obviously caused either by frozen snow or sand raking, the last being less probable. A third specimen is wedged towards its distal end, and it might have been shaped in this manner as a mammoth used it to dig out platroots or water. A fourth fragment of a tusk, rounded on all sides and with a polished appearance at the proximate end was found at another place. This frag­ ment can not hardly be defined as an artefact of the Neandertal-Period. It probably served for a similar purpose as do the "bell-scrapers" made of bone.

Namentlich durch den B a u des R h e i n - H e r n e - K a n a l s und die Regulierung der Emscher in den letzten J a h r e n vor 1914 sind die sogenannten Knochenkiese oder -sande der Emscher bekannt g e w o r d e n . D a m a l s w u r d e n die Knochen kaltzeitlicher S ä u g e r darin in M e n g e ge­ funden. I m J a h r e 1959 hatten wir (Emschertalmuseum H e r n e ) Gelegenheit, in den K n o ­ chenkiesen eine A u s g r a b u n g z u veranstalten ( N e u b a u der K l ä r a n l a g e N o r d in H e r n e ) . Hier haben w i r planiert u n d Schnitte angelegt. E s bestätigte sich, w a s wir schon l a n g e be­ obachteten. D i e Knochenschicht als unterste N i e d e r t e r r a s s e n a b l a g e r u n g der Emscher liegt nicht dem bankigen Emschermergel auf, sondern w i r d von diesem durch eine 2 0 — 4 0 cm mächtige g r a u e , tonige Schicht aufgeweichtem Emschermergel getrennt. In diese Tonschicht sind bisweilen einzelne Knochen, Geschiebe u n d Gerolle hineingeraten. D a r a u f liegt die eigentliche Knochenschicht, die 10—50 cm mächtig sein k a n n . Gerolle liegen d a r i n in Schmitzen, nie in durchgehender Lagerung. Abgedeckt w i r d die Knochenschicht durch dunkelockerfarbige, eisenschüssige Sande, die selten kleinere Knochen enthalten (Schnek-kensande). In der unterlagernden tonigen Schicht wurden bisweilen flache W a n n e n beob­ achtet, in denen sich Knochen gehäuft a n g e s a m m e l t hatten; diese wurden eingeschwemmt, konnten jedoch nur bei s t ä r k e r e m Wasserdruck d a r a u s wieder ausgeschwemmt werden.

In einer solchen Wanne f a n d e n wir in der genannten K l ä r a n l a g e auch das m a x i m a l 1 m lange distale E n d e eines Mammutstoßzahnes ( v g l . A b b . 1), d a s a l t abgebrochen ist ( O r i g i ­ nal im Emschertalmuseum H e r n e ) . Der U m f a n g des Bruchstückes beträgt am p r o x i m a l e n Ende 36 cm. V o n der Bruchstelle bis zur Z a h n s p i t z e in der Waagerechten gemessen, ist das Bruchstück nur 75 cm lang. V o n dieser Waagerechten in der M i t t e (37,5 cm) senkrecht nach unten a u f die Innenseite der Stoßzahnbiegung gemessen, ist unter Fund 19 cm g e ­ bogen, bis z u r Unterkante gemessen 29 cm.

An diesem Stoßzahnbruchstück fällt sofort auf, daß die S p i t z e n p a r t i e auf eine L ä n g e von 45 cm w i e flachgedrückt erscheint. Zur S p i t z e hin wird sie immer flacher. E i n e nähere Betrachtung dieser Erscheinung ergibt folgendes: Höchstwahrscheinlich handelt es sich um den linken S t o ß z a h n , dessen aus den Alveole herausragende L ä n g e auf etwa 2 m geschätzt werden k a n n . D i e untere Seite, namentlich links außen, ist auf eine L ä n g e von 32 cm a b

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-Abb. 1. Abgeschliffene Stoßzahnspitze aus den Knochenkiesen der Emscher von Herne-Nord. Oben: die linke, am meisten abgeschliffene Seite. Unten: dasselbe Stoßzahn-Fragment von der

rechten Seite gesehen. Foto: K . B R A N D T .

geflacht, und z w a r beträgt die Abflachung bis zur Zahnspitze 1 'A bis 2 cm. Aber auch die Oberseite des Zahnes hat eine, w e n n auch geringe Abflachung erfahren, die nach links außen etwas zunimmt.

Diese Abflachung des distalen Stoßzahnendes ist zweifelfrei durch allmähliches A b ­ schleifen entstanden. Dafür zeugen noch zwei weitere Befunde. Erstens ist diese Z a h n ­ partie ringsum geglättet, was ohne weiteres auffällt, und zweitens befinden sich auf der geglätteten Unterseite im Bereich der genannten 32 cm, quer zur Z a h n l ä n g e , zahlreiche bis 4 cm lange Schrammen, die auf der ebenfalls geglätteten Oberseite nicht v o r k o m m e n ! Dieser Fall ist k l a r : das M a m m u t hat in den Wintern der K a l t z e i t mit den Stoßzähnen den Schnee fortgescharrt, um an die dürftige Pflanzennahrung zu gelangen. D a s T i e r h a t offensichtlich v o n rechts nach links gescharrt, wodurch die weitaus intensivere Abschleifung an der linken Außenpartie der Stoßzahnspitze erfolgte. Diese bemerkenswerte Abschlei­ fung kann unmöglich in einem W i n t e r erfolgt sein, denn dafür ist die äußere Schale eines Stoßzahnes zu h a r t und die Abschleifung zu intensiv. E s kann angenommen werden, d a ß die Schneedecke wenigstens zeitweise gefroren w a r , wodurch wahrscheinlich die Abschlei­ fung begünstigt w u r d e . Aber auch ein Scharren in S a n d b ö d e n kann in E r w ä g u n g gezogen werden.

N o c h ein zweiter M a m m u t s t o ß z a h n mit den gleichen, aber viel stärker ausgeprägten Erscheinungen liegt aus dem Emschertal vor (vgl. A b b . 2 ) . U m den R h e i n - H e r n e - K a n a l v o n Zuschwemmungen zu säubern, w u r d e bei B o t t r o p ausgebaggert. D i e hierbei zum V o r ­ schein gekommenen, vielen Knochen pleistozäner S ä u g e r hat Arno H E I N R I C H , Leiter des H e i m a t m u s e u m s B o t t r o p , dankenswerterweise geborgen. All diese F u n d e stammen aus der Knochenschicht der pleistozänen Emscher. U n t e r den Bottroper Fundsachen befindet

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Abgeschliffene Mammutstoßzähne aus dem Emschertal 1 4 3

Abb. 2. Abgeschliffene Stoßzahnspitze aus den Knochenkiesen der Emscher von Bottrop-Süd (Rhein-Herne-Kanal). Die Abschliff-Fläche ist kürzer, aber viel stärker ausgebildet als auf dem in Abb. 1 dargestellten Fundstück; auch hier ist wieder besonders die linke Partie der Schliff-Fläche (Bild­ aufsicht) stärker ausgeprägt. Links im Bild: rezente Bruchfläche. Foto: K . B R A N D T .

sich das frisch (durch B a g g e r ) abgebrochene, jetzt m a x i m a l 34,5 cm lange distale E n d e eines starken Mammutstoßzahnes. Am p r o x i m a l e n Ende besitzt es einen U m f a n g v o n 38,5 cm. D a v o n der S p i t z e des Zahnes einige Zentimeter fehlen (vermutlich 3—4 c m ) , be­ trägt jetzt die L ä n g e der abgeschliffenen Fläche 30 cm.

Bei diesem Fundstück handelt es sich um einen rechten Stoßzahn. Auch der T r ä g e r dieses Stoßzahnes hat offensichtlich die Scharrbewegungen von rechts nach links ausgeführt, d a die stärkste Abschleifung a n der Unterseite links liegt.

Während der zuerst beschriebene abgeschliffene Stoßzahn v o n einem weiblichen T i e r stammen dürfte, haben wir es bei dem B o t t r o p e r Fundstück w o h l mit einem männlichen T i e r zu tun, w o r a u f die S t ä r k e des Stoßzahnes hinweist. Eine eigentliche Spitze ist d a r a n nicht mehr vorhanden, weil sie abgeschliffen w o r d e n ist. D a d u r c h fehlt von der ursprüng­ lichen L ä n g e ein größeres Stück. Dieser S t o ß z a h n dürfte trotz seiner Stärke k ü r z e r ge­ wesen sein als der viel schlankere von H e r n e , wodurch die S p i t z e n p a r t i e stärker der A b ­ schleifung unterworfen worden ist. Der G r a d der Abschleifung w i r d ersichtlich, wenn der ursprüngliche U m f a n g am distalen Ende angegeben wird. Wir errechnen ungefähr 30 cm. D a v o n sind in der Senkrechten etwa m a x i m a l 4 — 5 cm abgeschliffen worden. D i e Breite der Schliff fläche beträgt im Bereich des Spitzenendes 10 cm. Querschrammen sind a u f der Schlifffläche nicht festzustellen. Dieses interessante einmalige Fundstück befindet sich im Heimatmuseum von B o t t r o p .

Zu diesen beiden beschriebenen abgeschliffenen Stoßzähnen muß ausdrücklich bemerkt werden, daß es sich um Schliffspuren und nicht um G r a b - oder Stoßspuren handelt, wie letztere bisweilen an Arbeitszähnen von rezenten Elefanten v o r k o m m e n , zumal die Schliff­ spuren eindeutig quer zur L ä n g e der M a m m u t s t o ß z ä h n e verlaufen. Bei der V e r w e n d u n g zu G r a b - und Stoßarbeiten hätten (wie bei unserem Fundstück N r . 3) Abnutzungsspuren frontal vom distalen Ende in Längsrichtung z u m proximalen E n d e der Incisoren v o r ­ handen sein müssen. Beim A u s g r a b e n z. B. v o n Krähenbeeren- u n d Ericaceenbüschel, sowie Sträuchern v o n Zwergbirken und Zwergweiden durch die gefrorene Schneedecke, hätten die zuletzt genannten Abnutzungsspuren entstehen müssen. D a b e i ist nicht völlig a u s z u

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-schließen, daß sie gelegentlich auch d a z u gedient haben (briefliche Mitteilung von E . G Ü N ­

T H E R ) , wie kleine alte Absplitterungen an der E n d s p i t z e des zuerst beschriebenen Zahnes ausweisen könnten, falls sie zu Lebzeiten des T r ä g e r s entstanden s i n d1) .

I m H e i m a t m u s e u m Bottrop befindet sich ferner d a s 19 cm lange distale Bruchstück eines kleinen Stoßzahnes (vgl. A b b . 3 ) , das am p r o x i m a l e n Ende einen U m f a n g v o n 15 cm hat. Offensichtlich handelt es sich um den Rest eines rechten Stoßzahnes eines jüngeren Tieres. Auf eine L ä n g e von etwa 7 cm ist die S p i t z e beidseitig (rechts u n d links in N o r m a l ­ lage) zum p r o x i m a l e n Ende hin abgeschrägt, wodurch das Fundstück wie ein Meißel er­ scheint (Abb. 3 ) . D i e beiden angeschrägten Seitenflächen sind offenbar nicht abgeschliffen, sondern abgestoßen worden, z u m a l beide Schrägflächen breite, tiefe Schrammen aufweisen, die an der linken Seite (Außenseite) besonders breit (bis 4 mm) und tief sind (1 mm). Diese Breitschrammen verlaufen nicht parallel mit den Abschrägungen, sondern liegen schräg zu derselben, v o n der Oberkante des Stoßzahnes an der Spitze zur U n t e r k a n t e dem p r o x i ­ malen Ende zu. Dies ist an der linken Schrägung der F a l l (Abb. 3, 2 Pfeile unten).

Anders verlaufen die dichter liegenden Schrammen an der rechten Schrägung. Diese verlaufen entgegengesetzt zu denen auf der linken Schrägung, also v o m distalen weniger

J~

r f 1 0 c m

Abb. 3. Abgeschliffene Stoßzahnspitze aus den Knochenkiesen der Emscher von Bottrop-Süd (Rhein-Herne-Kanal). Sie wird als Arbeitszahn eines Mammuts angesehen. Oben: das Fundstück in der Aufsicht, die meißelartige Ausbildung der Spitze ist deutlidi sichtbar. Unten: dasselbe Fundstück von der Seite gesehen; beide Pfeile weisen auf schräg nach oben verlaufende Rillen hin, die beim Graben im Erdreich entstanden sein dürften. Foto: K . B R A N D T .

!) Das in Abb. 1 dargestellte Fundstück hat E. G U E N T H E R , Kiel, Fl. H E L L E R , Nürnberg, und L. Z O T Z , Erlangen, vorgelegen, die die Schliffspuren an dem Stoßzahnfragment als Scharrspuren anerkannten. P. S I E G F R I E D , Münster, teilte mit, daß O. A B E L und K. B E U R L E N die Benutzung von Mammutstoßzähnen als Werkzeuge zum Schneescharren zumindest von Tieren im höheren Alter verneint hätten, ebenso auch H. F. O S B O R N ; dagegen wären jedoch einige russische Forscher der An­ sicht, daß das Mammut seine Incisoren zum Schneescharren verwandte, so W. G A R U T T und

W. D U B I N I N im Zool. Journ. 3 0 , Leningrad 1 9 5 1 , wo allerdings nur mit wenigen Sätzen auf der­

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Abgeschliffene Mammutstoßzähne aus dem Emschertal 145

schräg zum proximalen E n d e . M a n könnte versucht sein, dieses Zahnfragment a l s ein Artefakt eines pleistozänen Menschen anzusehen. A u f g r u n d der Zugehörigkeit der K n o ­ chenschicht z u m A n f a n g der letzten K a l t z e i t ( W ü r m ) k ä m e ein Neandertaler in F r a g e . Betrachten wir das p r o x i m a l e E n d e genauer, so scheint es, als ob ein 3,5 cm langer E i n ­ schnitt in die äußere Stoßzahnschale vorhanden w ä r e ( A b b . 3, linke K a r t e ) .

Wir möchten die F r a g e offenlassen, ob ein A r t e f a k t vorliegt; vielleicht war es ein A r ­ beitszahn, wie sie von unseren heute noch lebenden Elefanten bekannt sind, die d a m i t Rinde von den Bäumen stoßen oder diese gar fällen. Eine allseitige Glättung an diesem zweiten Bottroper Fundstüück ist nicht zu übersehen, aber Bearbeitungsspuren, u m die meißelartige Schneide im Spitzenbereich herzustellen, sind nicht mit Sicherheit zu erkennen.

Bei dem vierten hier zu beschreibenden Stoßzahnfragment handelt es sich vielleicht um ein Artefakt. E s ist wieder d a s distale E n d e eines Mammutstoßzahnes von jetzt 43 cm Länge. D a s Fundstück ist in alter Zeit der L ä n g e nach aufgespalten, so daß die Zuwachs­ kegel im Schnitt freiliegen. Gefunden wurde es v o m Verfasser in der Knochenschicht des Schwarzbaches in Gelsenkirchen-Heßler, k u r z v o r der E i n m ü n d u n g in die Emscher (bei der Regulierung des Schwarzbaches 1953). D a s Fundstück befindet sich im Emschertal­ museum in H e r n e . Bemerkenswert daran ist d a s allseitig völlig abgerundete p r o x i m a l e E n d e dieses Stoßzahnfragmentes. Die A b r u n d u n g ist durch Abschliff erfolgt, aber auf keinen Fall durch Abrollung in der Knochenschicht. Dagegen spricht, daß diese Abschlei­ fung nicht in die H ö h l u n g des proximalen E n d e s hineinreicht. Dieses Ende kann mehr oder weniger senkrecht auf irgendeinen zu bearbeitenden Werkstoff aufgesetzt worden und dann auf diesem hin- und hergezogen worden sein, vielleicht mit kreisenden Bewegungen. Hierbei konnte wohl der R a n d in der Aufsicht u n d nach außen abgeschliffen, also gerundet werden, nicht aber nach innen. Diese Abschleifung ist an der Außenwandung nicht gleich­ mäßig; stellenweise reicht sie weit hinunter. I m Bereich der R u n d u n g des Randes erscheint dieser Teil wie glänzend poliert.

Der polierte R a n d des proximalen Endes liegt ringsum nicht waagerecht, sondern ver­ läuft von der äußeren K r ü m m u n g zur inneren schräg. Diese Abschrägung macht 2 cm aus. Wenn wir uns nun dieses Fundstück als in der A r t der bekannten „Glockenschaber" aus Knochen verwendet vorstellen, die zum E n t h a a r e n und Glätten der Felle verwendet w o r

-Abb. 4. Abgeschliffenes proximales Ende eines Stoßzahn-Fragmentes aus den Knochenkiesen des Schwarzbachtales von Gelsenkirchen-Heßler. Dieses Stoßzahn-Fragment ist vielleicht als „Glocken­ schaber"- Artefakt zum Enthaaren von Fellen anzusprechen. Die durch Abschliff entstandene Run­ dung am Bruch des proximalen Endes (oben) ist deutlich zu erkennen und erscheint wie auf Hoch­ glanz poliert. Der hintere, fehlende Stoßzahnteil ist rezent ausgebrochen, x Vi. Foto: K . B R A N D T .

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den sein dürften, so war diese Abschrägung nicht unvorteilhaft für den Nutzungseffekt, z u m a l es d a r a u f a n k a m , daß der R a n d voll auf d e m Werkmaterial a u f l a g . D a nun, wie erwähnt, die Abschrägung zur inneren K r ü m m u n g verläuft, w a r bei d e m A r b e i t s v o r g a n g die Spitze des Stoßzahnes zum d a m i t arbeitenden Menschen g e w a n d t , w a s die A r b e i t er­ leichterte; denn w ä r e der R a n d v o l l s t ä n d i g waagerecht, hätte das Fundstück senkrecht aufgestellt werden müssen, w o m i t die Arbeit erschwert worden w ä r e . D a s Stück k a n n a u f d e m Werkstück schräg zum arbeitenden Menschen gestanden haben, denn jener z u m M e n ­ schen liegende T e i l des Randes ist weit stärker abgeschliffen, als die übrigen Teile.

N u n ist dieses Stück für einen „Glockenschaber" der herkömmlichen A r t viel zu l a n g . D a h e r wird vermutet, daß das dem Arbeitsende gegenüberliegende E n d e gegen d a s rechte Schlüsselbein des mutmaßlich d a m i t arbeitenden Menschen gelehnt w u r d e , was vielleicht den Arbeitseffekt erhöhte.

H i e r z u h a t auch noch folgender U m s t a n d beigetragen. In der genannten Stellung w u r d e unser Stück geschoben, also v o m K ö r p e r des Menschen fort u n d wieder herange­ zogen. Die Zugkraft wirkte sich wie bei allen Artefakten weit mehr a u s als die Schubkraft, abgesehen, daß beim Ziehen hauptsächlich der v o r d e r e Randteil sich im Nutzungseffekt auswirkte, weil sich der hintere R a n d t e i l rein mechanisch etwas anhob. Dadurch w u r d e der vordere R a n d t e i l weit mehr abgeschliffen, weil ein größerer T e i l von ihm a u f l a g . D i e Ansprache dieses Fundes als A r t e f a k t ist natürlich problematisch, aber zur Zeit ist keine andere D e u t u n g zu finden2).

S c h r i f t e n v e r z e i c h n i s

A N D R E E , } . : Das Alter der diluvialen Lippe- und Emscherablagerungen. - - Sber. naturhist. Ver. 'Rheinl. Westf., S. 1 4 - 2 8 , Bonn 1 9 2 7 .

B Ä R T L I N G , R.: Das Diluvium des niederrheinisch-westfälischen Industriebezirks und seine Beziehun­ gen zum Glazialdiluvium. - Z. deutsch, geol. Ges. 6 4 , Mon.-Ber. 3 , S. 1 5 5 - 1 7 7 , Berlin

1 9 1 3 .

B R A N D T , K . : Über die Vorkommen von Säugerknochen in pleistozänen Ablagerungen des Ruhr­ gebietes. - Natur u. Heimat 1 3 , S. 7 8 - 8 1 , Münster 1953.

K A H R S , E.: Zur Kenntnis des Emscherdiluviums. - Die Heimat (Z. westf. Heimatbundes), A . 7 ,

S. 2 1 1 - 2 1 3 , 1 9 2 8 .

K U K U K , P.: Uber den Fund eines Schädels vom Moschusochsen im Diluvium des Emschertales. -Z. deutsch, geol. Ges. 6 3 , S. 5 9 7 - 6 0 0 , Berlin 1 9 1 4 .

M E N Z E L , H . : Die Quartärfauna des niederrheinisch-westfälischen Industriebezirkes. - Z. deutsch. geol. Ges. 6 4 , Mon.-Ber. 3 , S. 1 7 7 - 2 0 0 , Berlin 1 9 1 3 .

Manuskr. eingeg. 8. 4 . 1 9 6 2 . Anschrift des Autors: Karl Brandt, Herne i. Westf., Emschertalmuseum im Schloß Strünkede.

2) Dem Verfasser sind vor ca. 3 0 Jahren aus dem Emschertal noch zwei ganz gleiche „Stoßzahn-Artefakte" bekannt geworden, nämlich im Niederrheinischen Museum in Duisburg-Hamborn und im Heimathaus Gelsenkirchen.

Figure

Abb. 1. Abgeschliffene Stoßzahnspitze aus den Knochenkiesen der Emscher von Herne-Nord
Abb. 2. Abgeschliffene Stoßzahnspitze aus den Knochenkiesen der Emscher von Bottrop-Süd (Rhein- (Rhein-Herne-Kanal)
Abb. 3. Abgeschliffene Stoßzahnspitze aus den Knochenkiesen der Emscher von Bottrop-Süd (Rhein- (Rhein-Herne-Kanal)
Abb. 4. Abgeschliffenes proximales Ende eines Stoßzahn-Fragmentes aus den Knochenkiesen des  Schwarzbachtales von Gelsenkirchen-Heßler

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